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Veterans - by Thich Nhat Hanh

Veterans are the light at the tip of the candle, illuminating the way for the whole nation. If veterans can achieve awareness, transformation, understanding, and peace, they can share with the rest of society the realities of war. And they can teach us how to make peace with ourselves and each other, so we never have to use violence to resolve conflicts again.

 

Veteranen sind das Licht am Kerzendocht, sie erhellen den Weg für die ganze Nation. Wenn Veteranen Bewusstsein, Transformation, Verständnis und Frieden erreichen können, können sie mit dem Rest der Gesellschaft die Realitäten des Krieges teilen. Und sie können uns lehren, wie man Frieden mit uns selbst und zueinander schafft, so dass wir nie wieder Gewalt anwenden müssen, um Konflikte zu lösen.

 

Gefunden bei https://warriorfilms.vhx.tv


Thich Nhat Hanhs Statement ruft danach, mit Kriegsveteranen im Kreis zu sitzen, ihre Geschichten zu hören…

 

…Ich möchte hier von einer Begegnung berichten, mit der ich neulich beschenkt wurde. 


In einem Café hatte ich mir ein Frühstück gegönnt und einen hübschen Platz an einem Tischchen mit zwei Sesseln und Blick auf die Münchner Freiheit ergattert. Es war einiger Betrieb und ein Mann, deutlich lädiert und nicht besonders gut angezogen, geisterte herum und plapperte verschiedene Gäste an, die nicht sehr erpicht darauf schienen. Seine Finger waren von den vielen Zigaretten, die er in Abständen draußen immer wieder heißrauchte, dunkelbraun eingefärbt.


Nach einer Weile steuerte er auf den freien Platz mir gegenüber und fragte, als er schon saß, ob er sich zu mir setzen könne.


Einen kurzen Moment ließ ich das leichte Unbehagen vorbeiziehen, dem ich mich hätte hingeben können. Dann entschied ich, mich auf ein Gespräch einzulassen. 


Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können.  M. gab sich als Obdachloser zu erkennen, zeigte auf seinen Einkaufswagen mit all seinem Hab und Gut draußen.


Wie bist Du in diese Lage geraten, war meine Frage.


Er erzählte bereitwillig von seinen unvorstellbar grausamen Erlebnissen als Söldner bei der Fremdenlegion am Horn von Afrika, vom Leben auf der Straße in München, seiner kriminellen Karriere als Drogenkurier. Er berichtete von tragender Solidarität in seinem Corps, schilderte sehr anschaulich das Sterben im bewaffneten Kampf und dass er jährlich zum Grab seines gefallenen Kameraden pilgert. M. wurde von der Fremdenlegion fallen gelassen, man schickte ihn in einen Einsatz, der von vornherein ein Überleben nicht vorsah. Wie ein Wunder hatte er es dennoch geschafft.


Die Piraten müssten wir alle abknallen, müssten Europa verteidigen. Der Penner, der mein Zelt unter der Isarbrücke angezündet hat, wenn ich den erwischt hätte, der wäre mit dem Gesicht nach unten Isar-abwärts geschwommen...


Ich fand den Hass furchtbar, den ich hörte, und sagte es. Ich erzählte von mir, von den Demonstrationen in den 1980er Jahren, bei denen ich für Frieden und Entspannungspolititk eingetreten bin und davon, dass ich diese Haltung auch heute noch vertrete, dass ich keinen Politiker sehe, der wahre Verantwortung für Frieden in Europa übernimmt und die Entspannungspolitik anstrebt, die für ein Abwenden des großen Kriegs nötig wäre.


Es war spürbar, dass wir einander nicht überzeugen wollten. Allein darin, dass wir bei den bevorstehenden Wahlen keine Partei wählen könnten, waren wir uns einig. Und es war spürbar, dass wir eine Herzensverbindung hatten, ob wir nun wollten oder nicht.


Ich fragte und fragte und M. erzählte und erzählte - 

erzählte auch davon, wie es zu diesem unbändigen Hass in seinem Herzen gekommen war. Als 14-jähriger war ihm beim Arbeiten im Wald der glitschige Baumstamm aus den Händen gerutscht und auf den Vater gefallen, der verletzt aber nicht getötet wurde, ihn seither aber als Versager, Nichtsnutz und Idioten beschimpfte.

Der Baum war so nass, so glitschig. Ich konnte doch nichts dafür...

…das drängende Herz war spürbar als ob der nasse glitschige Stamm mitten in unserem Café liegen würde, Geruch nach nassem Holz, Regentropfen von den Bäumen...


Mir viel das Gebet von Thich Nhat Hanh ein, fragte, ob er es hören wolle und las vor:

 

Bitte nenne mich bei meinen wahren Namen

 

Sag nicht, dass ich morgen fortgehen werde –
selbst heute komme ich doch immer noch an.

Schau ganz tief: In jeder Sekunde komme ich an –
um eine Knospe an einem Frühlingszweig zu sein
um ein winziger Vogel mit noch zarten Flügeln zu sein,
um in meinem neuen Nest singen zu lernen,
um eine Raupe im Herzen einer Blume zu sein
um ein Juwel zu sein, der sich in einem Stein verbirgt.

Ich komme noch immer an, um zu lachen und zu weinen,
mich zu fürchten und zu hoffen.
Der Rhythmus meines Herzens ist Geburt und Tod
von allem, was lebt.

Ich bin die Eintagsfliege,
die an der Wasseroberfläche des Flusses schlüpft.
Und ich bin der Vogel,
der sich herabstürzt, um sie zu verschlingen.

Ich bin der Frosch, der vergnügt
im klaren Wasser eines Teiches schwimmt.
Und ich bin die Ringelnatter,
die sich in der Stille vom Frosch ernährt.

Ich bin das Kind in Uganda, nur Haut und Knochen,
meine Beine so dünn wie Bambusstöcke.
Und ich bin der Waffenhändler,
der tödliche Waffen nach Uganda verkauft.

Ich bin das zwölfjährige Mädchen,
Flüchtling in einem kleinen Boot,
das sich ins Meer stürzt
nachdem es von einem Seepiraten vergewaltigt wurde.
Und ich bin der Pirat,
mein Herz noch nicht fähig,
zu sehen und zu lieben.

Ich bin ein Mitglied des Politbüros
mit reichlich Macht in meinen Händen.
Und ich bin der Mann, der meinem Volk
seine „Blutschuld“ zu bezahlen hat
und langsam in einem Arbeitslager stirbt.

Meine Freude ist wie der Frühling, so warm,
dass sie Blumen auf der ganzen Erde erblühen lässt.
Mein Schmerz ist wie ein Tränenstrom,
so gewaltig, dass er die vier Meere füllt.

Bitte nenne mich bei meinen wahren Namen,
sodass ich all mein Weinen und Lachen gleichzeitig höre,
damit ich sehe, dass meine Freude und mein Schmerz eins sind.

Bitte nenne mich bei meinen wahren Namen,
damit ich erwache,
sodass die Tür meines Herzens offen bleibt,
die Tür des Mitgefühls.

 


Ich spürte die Verbindung mit meinem Menschenbruder über die tiefe Kluft unserer Meinungen hinweg, die verschiedener nicht sein konnten, und schickte M. auf seine Bitte hin den Text des Gebetes per SMS.




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Stephan Pfannschmidt

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